Monday, 17 January 2011 17:54

2010: Die Straße nach Lemberg. Auf jüdischen Spuren in Ostgalizien.

Rate this item
(0 votes)

Synagoge Lemberg (23)

Auf den Spuren der ostgalizischen Juden

Im Rahmen einer Studienreise von Berlin aus unternahmen Georg Murra-Regner, der Leiter der Gedenkstätte „Synagoge Dornum“, und die 2. Vorsitzende des Vereins „Synagoge Dornum“, Andrea Döhrer, eine Reise durch Galizien.

Sie folgten den Spuren einer zerstörten Kultur und besuchten die Orte, an denen über eine Million Menschen ermordet worden waren.

Von Berlin aus fuhren sie mit dem Zug zwei Tage bis nach Lemberg. Die Stadt mit den vielen Kulturen, die heute nicht mehr Lemberg, sondern auf ukrainisch Lviv heißt, war die größte Stadt in Südostpolen und zugleich die Hauptstadt von Galizien.

Die Stadt war deutsch, österreichisch, polnisch, russisch und ukrainisch. Die Spuren dieser versunkenen Kulturen sind allgegenwärtig. Es lebten dort Deutsche, Polen, Russen, Ruthenen, Armenier, Ukrainer und Juden zusammen.

Die Stadt wurde um 1250 gegründet als Residenzstadt des Großfürsten von Halitsch und hieß ursprünglich Leopoldstadt.1340 wurde sie polnisch und 1773 österreichisch und zugleich Hauptstadt von ganz Galizien.1919 wurde sie wieder polnisch und 1939 sowjetisch.

Die Stadt hatte 1939 ca. 360.000 Einwohner, davon waren 160.000 Juden.

Die ältesten jüdischen Ansiedlungen in Lemberg gehen auf die Jahre 1356 und 1364 zurück. Schon im Jahre 1387 wurde in Lemberg der erste jüdische Friedhof angelegt.

Als Ende Juni 1941 deutsche Truppen in Lemberg einmarschierten, hatte wenige Tage zuvor die Rote Armee Lemberg verlassen. In den Gefängnissen blieben die Leichen von mehreren Tausend Gefangenen zurück, die vom sowjetischen Geheimdienst ermordet worden waren, darunter auch alte Leute, Frauen und Kinder. Die meisten Ermordeten waren Ukrainer, gefolgt von Juden und Polen. Die Deutschen lasteten die Morde den Juden an und hetzten die Lemberger Bevölkerung gezielt zu einem Pogrom auf. Den Wogen des Hasses fielen in den ersten Julitagen 1941 mehrere Tausend Lemberger Juden zum Opfer.

Wenige Tage später wurde das Konzentrationslager Janowska angelegt.

Die nächste Station nach Lemberg war Brody, eine Stadt in der Wojwodschaft Tarnopol. Brody war von 1779 bis 1879 eine Freistadt. Ihren großen Reichtum und ihre herrlichen Bauten verdankt die Stadt der polnischen Magnatenfamilie Podocki.

Obwohl die Stadt auch als Grenzstadt des österreichischen Gebietes an der russischen Grenze lag, ist Brody eine Stadt mit westlicher Kultur. Auch in dieser Kleinstadt lebten alle Nationalitäten zusammen. Brodys Reichtum machte sich nicht nur in den Bauten deutlich, sondern auch in der Einstellung zum westlichen Leben. Schon frühzeitig fuhren die Juden aus Brody zu den verschiedenen Messen nach Leipzig und Frankfurt. Die Schneiderzunft von Brody war bekannt in der ganzen westlichen und östlichen Welt.

1815 gründete die jüdische Gemeinde von Brody eine eigene Realschule mit der Unterrichtssprache Deutsch. Viele dieser Absolventen besuchten später die Universitäten in Lemberg, Wien, Frankfurt oder Berlin. In dieser Stadt wurde auch der bekannte Schriftsteller Joseph Roth geboren. Auch er besuchte dort die deutsche Realschule.

Viele berühmte Rabbiner hatten in den Jeschiwoth (Talmudschulen) von Brody studiert.

Brody hatte 1941 ca. 26.000 Einwohner, davon waren 70 % jüdisch. Von diesen waren 40% Chassiden, die übrigen waren liberal.

Als die deutsche Wehrmacht auch Brody überfiel, wurde die jüdische Bevölkerung wenige Tage später von der nachrückenden SS zusammengetrieben und ghettoisiert. Gleich in den ersten Tagen wurden Hunderte ermordet. Der größte Teil kam in dem Vernichtungslager Belzec um.

Wir fuhren dann nach Zolkiew, heute Schovka, in der Nähe von Lemberg. Diese Stadt entwickelte sich während des 16./17.Jahrhunderts unter dem polnischen König Sobieski zu einer Residenzstadt mit wunderbaren Gartenanlagen und dem großen Schloss des polnischen Königs Jan Sobieski. Obwohl Sobieski die meiste Zeit in Warschau verbrachte, wurde die Stadt Zolkiew wirtschaftlich stark gefördert. Schon frühzeitig waren in Zolkiew Juden angesiedelt. Sobieski erlaubte den Juden 1687 anstatt der alten Holzsynagoge eine große Synagoge aus Stein zu bauen. Er machte aber gleich zur Bedingung, dass die Juden eine befestigte Synagoge bauen und sie als Wehrsynagoge an der Grenze nutzen und auch selbst verteidigen sollten. Somit gestattete er den Juden, Waffen zu tragen.

1690 verlegte der bekannte Buchdrucker Uri Phoebus Halevi seine Druckerei von Amsterdam nach Zolkiew. Die Familie stammte ursprünglich aus Emden, Ostfriesland. Halevi vererbte seinen Söhnen und Enkelkindern später die Druckerei, die sie unter dem bekannten Namen „Letteris und Madfes“ weiterführten. Diese Druckerei arbeitete grundsätzlich mit hebräischen Buchstaben. Heute gibt es noch Talmudfolianten aus dieser Druckerei aus Zolkiew.

Auch dem Leibarzt des Königs Sobieski, Emanuel de Jona, wurde ein Haus in Zolkiew geschenkt.

In der österreichischen Zeit wurden in Zolkiew mehrere jüdische deutsche Schulen gegründet. Die Österreicher waren bemüht, die westliche deutsche Kultur in den Grenzgebieten festzuhalten.

Auch die Haskala (jüdische Aufklärung) hatte einen Sitz in Zolkiew. Die große Rabbinerdynastie Chajes und der große Talmudforscher Salomon Buber waren gebürtig aus Zolkiew.

!939 hatte die Stadt Zolkiew über 11.000 Einwohner, davon waren 70 % jüdisch.

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht wurde die Synagoge von den nachrückenden SS-Truppen gesprengt. Allerdings konnte die Synagoge durch die Sprengung nicht dem Erdboden gleichgemacht werden.

Der jüdische Friedhof existiert nicht mehr. 95 % der jüdischen Menschen wurden ermordet.

Die Außenwände und der Eingangsbereich der Synagoge stehen bis heute. Die Synagoge wird zur  Zeit restauriert und soll künftig als jüdisches Museum für Galizien genutzt werden.

 


Read 51833 times Last modified on Monday, 17 January 2011 09:22
Web Analytics