Reiseberichte

Reiseberichte (2)

Synagoge Lemberg (23)

Auf den Spuren der ostgalizischen Juden

Im Rahmen einer Studienreise von Berlin aus unternahmen Georg Murra-Regner, der Leiter der Gedenkstätte „Synagoge Dornum“, und die 2. Vorsitzende des Vereins „Synagoge Dornum“, Andrea Döhrer, eine Reise durch Galizien.

Sie folgten den Spuren einer zerstörten Kultur und besuchten die Orte, an denen über eine Million Menschen ermordet worden waren.

Von Berlin aus fuhren sie mit dem Zug zwei Tage bis nach Lemberg. Die Stadt mit den vielen Kulturen, die heute nicht mehr Lemberg, sondern auf ukrainisch Lviv heißt, war die größte Stadt in Südostpolen und zugleich die Hauptstadt von Galizien.

Die Stadt war deutsch, österreichisch, polnisch, russisch und ukrainisch. Die Spuren dieser versunkenen Kulturen sind allgegenwärtig. Es lebten dort Deutsche, Polen, Russen, Ruthenen, Armenier, Ukrainer und Juden zusammen.

Die Stadt wurde um 1250 gegründet als Residenzstadt des Großfürsten von Halitsch und hieß ursprünglich Leopoldstadt.1340 wurde sie polnisch und 1773 österreichisch und zugleich Hauptstadt von ganz Galizien.1919 wurde sie wieder polnisch und 1939 sowjetisch.

Die Stadt hatte 1939 ca. 360.000 Einwohner, davon waren 160.000 Juden.

Die ältesten jüdischen Ansiedlungen in Lemberg gehen auf die Jahre 1356 und 1364 zurück. Schon im Jahre 1387 wurde in Lemberg der erste jüdische Friedhof angelegt.

Als Ende Juni 1941 deutsche Truppen in Lemberg einmarschierten, hatte wenige Tage zuvor die Rote Armee Lemberg verlassen. In den Gefängnissen blieben die Leichen von mehreren Tausend Gefangenen zurück, die vom sowjetischen Geheimdienst ermordet worden waren, darunter auch alte Leute, Frauen und Kinder. Die meisten Ermordeten waren Ukrainer, gefolgt von Juden und Polen. Die Deutschen lasteten die Morde den Juden an und hetzten die Lemberger Bevölkerung gezielt zu einem Pogrom auf. Den Wogen des Hasses fielen in den ersten Julitagen 1941 mehrere Tausend Lemberger Juden zum Opfer.

Wenige Tage später wurde das Konzentrationslager Janowska angelegt.

Die nächste Station nach Lemberg war Brody, eine Stadt in der Wojwodschaft Tarnopol. Brody war von 1779 bis 1879 eine Freistadt. Ihren großen Reichtum und ihre herrlichen Bauten verdankt die Stadt der polnischen Magnatenfamilie Podocki.

Obwohl die Stadt auch als Grenzstadt des österreichischen Gebietes an der russischen Grenze lag, ist Brody eine Stadt mit westlicher Kultur. Auch in dieser Kleinstadt lebten alle Nationalitäten zusammen. Brodys Reichtum machte sich nicht nur in den Bauten deutlich, sondern auch in der Einstellung zum westlichen Leben. Schon frühzeitig fuhren die Juden aus Brody zu den verschiedenen Messen nach Leipzig und Frankfurt. Die Schneiderzunft von Brody war bekannt in der ganzen westlichen und östlichen Welt.

1815 gründete die jüdische Gemeinde von Brody eine eigene Realschule mit der Unterrichtssprache Deutsch. Viele dieser Absolventen besuchten später die Universitäten in Lemberg, Wien, Frankfurt oder Berlin. In dieser Stadt wurde auch der bekannte Schriftsteller Joseph Roth geboren. Auch er besuchte dort die deutsche Realschule.

Viele berühmte Rabbiner hatten in den Jeschiwoth (Talmudschulen) von Brody studiert.

Brody hatte 1941 ca. 26.000 Einwohner, davon waren 70 % jüdisch. Von diesen waren 40% Chassiden, die übrigen waren liberal.

Als die deutsche Wehrmacht auch Brody überfiel, wurde die jüdische Bevölkerung wenige Tage später von der nachrückenden SS zusammengetrieben und ghettoisiert. Gleich in den ersten Tagen wurden Hunderte ermordet. Der größte Teil kam in dem Vernichtungslager Belzec um.

Wir fuhren dann nach Zolkiew, heute Schovka, in der Nähe von Lemberg. Diese Stadt entwickelte sich während des 16./17.Jahrhunderts unter dem polnischen König Sobieski zu einer Residenzstadt mit wunderbaren Gartenanlagen und dem großen Schloss des polnischen Königs Jan Sobieski. Obwohl Sobieski die meiste Zeit in Warschau verbrachte, wurde die Stadt Zolkiew wirtschaftlich stark gefördert. Schon frühzeitig waren in Zolkiew Juden angesiedelt. Sobieski erlaubte den Juden 1687 anstatt der alten Holzsynagoge eine große Synagoge aus Stein zu bauen. Er machte aber gleich zur Bedingung, dass die Juden eine befestigte Synagoge bauen und sie als Wehrsynagoge an der Grenze nutzen und auch selbst verteidigen sollten. Somit gestattete er den Juden, Waffen zu tragen.

1690 verlegte der bekannte Buchdrucker Uri Phoebus Halevi seine Druckerei von Amsterdam nach Zolkiew. Die Familie stammte ursprünglich aus Emden, Ostfriesland. Halevi vererbte seinen Söhnen und Enkelkindern später die Druckerei, die sie unter dem bekannten Namen „Letteris und Madfes“ weiterführten. Diese Druckerei arbeitete grundsätzlich mit hebräischen Buchstaben. Heute gibt es noch Talmudfolianten aus dieser Druckerei aus Zolkiew.

Auch dem Leibarzt des Königs Sobieski, Emanuel de Jona, wurde ein Haus in Zolkiew geschenkt.

In der österreichischen Zeit wurden in Zolkiew mehrere jüdische deutsche Schulen gegründet. Die Österreicher waren bemüht, die westliche deutsche Kultur in den Grenzgebieten festzuhalten.

Auch die Haskala (jüdische Aufklärung) hatte einen Sitz in Zolkiew. Die große Rabbinerdynastie Chajes und der große Talmudforscher Salomon Buber waren gebürtig aus Zolkiew.

!939 hatte die Stadt Zolkiew über 11.000 Einwohner, davon waren 70 % jüdisch.

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht wurde die Synagoge von den nachrückenden SS-Truppen gesprengt. Allerdings konnte die Synagoge durch die Sprengung nicht dem Erdboden gleichgemacht werden.

Der jüdische Friedhof existiert nicht mehr. 95 % der jüdischen Menschen wurden ermordet.

Die Außenwände und der Eingangsbereich der Synagoge stehen bis heute. Die Synagoge wird zur  Zeit restauriert und soll künftig als jüdisches Museum für Galizien genutzt werden.

 


Mit einer kleinen Gruppe an jüdischer Geschichte Interessierter suchten Georg Murra-Regner, Leiter der Gedenkstätte „Synagoge Dornum“ und Andrea Döhrer, Vorstandsmitglied im Verein „Synagoge Dornum“ Spuren einstigen jüdischen Lebens in der Ukraine. Dabei legten sie über 3 000 Kilometer zurück. Mit einer Gruppe von 16 Teilnehmern fuhren sie von Berlin aus mit dem Zug über Posnan nach Przemysl und von dort aus mit dem Bus auf teils abenteuerlichen Wegen durch die Ukraine.

„Die erste Station war Tarnopol oder Ternopil, wie man heute in der Ukraine sagt, die größte Stadt in Ostgalizien. Sie war eine der bedeutendsten Städte Polens und zugleich Hauptsitz der gleichnamigen Provinz“, so Murra-Regner. Diese Stadt wird seit dem 14. Jahrhundert erwähnt, seit Beginn des 16. Jahrhunderts lebten hier Juden. Sie bekamen von der Schlachta (Adel) ihre Privilegien zum Bauen eines Friedhofs und einer Synagoge. Tarnopol war bis zum Einmarsch der Deutschen zu 40 Prozent jüdisch. Diese blühende jüdische Stadt besaß eine Hochschule und ein Rabbinerseminar sowie eine Anzahl von Weiterbildungsanstalten. 40 Bethäuser gab es in Tarnopol. Der noch bestehende große jüdische Friedhof am Rande der Stadt zeugte einst von einer Hochblüte jüdischer Kultur. „Heute ist der Friedhof auf bis zu zwei Dritteln eingeebnet, und nur ein kleiner Rest verwahrloster Steine ist übriggeblieben. Auf dem eingeebneten Bereich steht eine Tankanlage.“ Auf diesem Friedhof wurde der weltbekannte Fotograf Alter Kacyzne gefoltert und von einem Ukrainer ermordet. Kacyzne fotografierte in den dreißiger Jahren das Leben in den Stetls in Polen und in der Ukraine. 90 Prozent der Ternopiler Juden wurden nach dem Einmarsch der Deutschen ermordet. Heute zeigt diese Stadt nur wenige Erinnerungen an das einst blühende Leben.

Die nächste Station war die kleine Stadt Zbaraz. Hier lebten bis zum Einmarsch der Deutschen die Chassiden, die „Frommen“. Die Mehrheit der Bevölkerung war bis zum Einmarsch der deutschen Wehrmacht jüdisch. „Auf dem Friedhof lasen wir aus den Aufzeichnungen Jakob Linders `Schilderungen aus einem Erdloch`. Aber auch dieser Friedhof war leider verwahrlost und zum Teil zerschlagen“, so Murra-Regner. „Die wunderschönen Grabsteine, zum Teil auch mit deutschen Inschriften, waren als Wegplatten und als Absperrungen genutzt. Wenn ich die jüdischen Friedhöfe im Vergleich zu den wunderbar gepflegten Kosakenfriedhöfen sehe, befällt mich Ohnmacht und Schmerz, wie eine so große jüdische Kultur über 60 Jahre nach Ende des Krieges missachtet wird“.

In Kremenec, dem nächsten Halt unserer Bildungsreise, wurde der große Schriftsteller Julius Slowacki geboren. In diesem Städtchen gab es außer großen Synagogen auch ein Jesuiten-Kolleg. Vom eigentlichen Stil ist wenig übriggeblieben. Auch hier wurden nach dem Einmarsch der Wehrmacht sofort am nächsten Tag 8 000 Frauen und Männer erschossen, die übrigen kamen in ein Ghetto. Dieses Ghetto wurde innerhalb von vier Monaten wieder aufgelöst, und 15 000 Menschen wurden am Stadtrand erschossen. Zwei Denkmäler außerhalb der Stadt markieren den Platz, wo die Ermordungen stattfanden. Nur der jüdische Friedhof mit seinen 5 000 Steinen ist noch vom einstigen jüdischen Leben in Kremenec vorhanden. Die Steine stammen aus dem 15./16. Jahrhundert. Hier an diesem Berg erstrecken sich vom Tal bis an die Spitze auf allen Bergwiesen Gräber. Es ist ein Berg voller Gräber, aber jedes Grab ein Haus des Lebens. „Mögen ihre Seelen eingebunden sein in das Bündel des Lebens“, so der Leiter der „Synagoge Dornum.“

„Aber dann, am nächsten Morgen, ging es weiter nach Mohylev Podolski. Der erste Ort in der Nähe war Miedzhybozh, hier sind wir im Zentrum des Chassidismus. Hier ist der Entstehungsort dieser frommen Glaubensrichtung. Hier war die Wirkungsstätte des Baal Schem Tow (Meister des guten Namens).“ An diesem Ort lebten die Chassiden jahrhundertelang. An diesem Ort kann man nicht unbewegt bleiben. Es leben hier noch einige Chassiden, um die Wirkungsstätte des Baal Schem Tow zu erhalten. „Und dann ging es weiter zum Grab des Baal Schems. In dieser Abgeschiedenheit der Ukraine konnte sich der Chassidismus entwickeln. Aber auch die Nationalsozialisten ermordeten hier 80 Prozent der jüdischen Bevölkerung.“ Doch am Grab des Baal Schems entwickelt sich neues Leben. Hier kommen jährlich 40 000 Chassiden aus aller Welt zusammen, die hier ihre Siedlungen und Hotels bauen. Hier lebt wieder auf, was die Nationalsozialisten nicht zerstören konnten: Die Talmud-Torah-Schule. Hier hört man wieder die Gesänge der Chassiden.

„Wir fuhren weiter nach Braczlav, der Wirkungsstätte des Rabbi Nachman, einem Urenkel des Bescht. In Braczlav kommen die Lubawitscher zusammen, um ihre Gebete zu halten. Man konnte die Öffnungen in den Grabsteinen sehen für die Quittel (Zettel), auf denen der Gläubige seine Wünsche schreiben kann.“ Hier gibt es noch das Stetl, wenn auch nur wenige Häuser. „Aber das eigentliche Stetl fanden wir in Sarhorod, hier stehen noch Häuserzeilen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Mir kam es vor, als ginge Tewje, der Milchige, noch ein und aus.“ In diesen Häusern gab es keine Trennung von Beruf, Leben und der Schule der Kinder, dem Cheder. Heute sind diese Häuser leider sehr verfallen, der Kommunismus hatte für die Bauten des Stetls nichts übrig. Eine Weltkultur sollte hier ihr Ende erleben. In Sarhorod steht aber auch die älteste Synagoge der Ukraine, bis vor kurzem als Schnapsfabrik missbraucht.

Eine weitere Station war Berditschew, auch hier Häuser des Stetls. In dieser Stadt lebte der große Rabbiner Levi Isaac. Hier haderte der Rabbiner mit Gott wegen der Armut und Verfolgung seines Volkes. In Berditschew entstand die Legende, dass Levi Isaac sich weigerte, aus dem Gebetbuch zu lesen und Gott vor ein Gericht ziehen wollte, weil er die Kinder Israels vernachlässigte. „Auch in diesen Städten leben nur noch wenige Juden, 60 bis 70 Prozent sind ermordet worden. Die anderen wanderten nach Israel, Amerika und Deutschland aus. So wird es in wenigen Jahren das Stetl nicht mehr geben, aber die Ausgewanderten nahmen ihr Stetl im Herzen in ihre neuen Länder mit“, berichtet Georg Murra-Regner.

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