Jubiläumsfeier am 05.03.2017 II. Teil

Vortrag der stellvertretenden Leiterin der Gedenkstätte "Synagoge Dornum" Andrea Döhrer:

Im Oktober 2015 habe ich an einem Seminar über Shoah-Didaktik in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem teilgenommen. In einer der Pausen bin ich zu der "Halle der Namen" gegangen; das ist der Ort, wo in Yad Vashem die Namen der über 6 Millionen ermordeten Kinder, Frauen und Männer gesammelt werden, ihre Lebensdaten, ihre Geschichte, ihr Schicksal bis zu ihrer Ermordung in der Shoah. Auf Gedenkblättern, die auch Raum für ein - wenn vorhandenes - Foto geben, werden die Daten festgehalten.

Ich hatte die Gedenkblätter - für Karla, Siegfried, Lieselotte, Brunhilde, Willie, Rosa und Elkan Weinthal sowie für Helga, Norbert und Alma Leiser, geb. Wolffs - einer Dame in dem angrenzenden Büro übergeben und ich dachte mir: jetzt seid ihr Zuhause. Hier ist der Ort, an dem eure Seelen eingebunden sind in das Bündel des Lebens. Hier könnt ihr zur Ruhe kommen, nicht in Treblinka oder Male Trostenez, wo euch eure Leben genommen wurden. Hier ist euer Ort, ein guter Ort. Das klingt vielleicht sentimental, aber in diesem Moment hatte ich diese Gedanken. Sie sind zu Hause.

Dabei, dabei war ihr Zuhause, ihre Heimat: Dornum, Ostfriesland. Hier sind sie in die Synagoge gegangen. Hier haben die Kinder mit anderen Kindern gespielt. Hier müssen sich die 1930 geborene Karla und die 1933 geborene Helga getroffen haben, wenn diese ihre Großeltern Eva und Aharon Wolffs besuchte. Hier haben sie ihre Spuren hinterlassen, hier haben sie gelebt, bis 1940 alle Juden aus Ostfriesland ausgewiesen wurden. Sie fügen sich ein in die Geschichte Dornums und werden immer mit ihr verbunden sein. In der Gedenkstätte werden ihre Lebensgeschichten erzählt, die vielen Fotos stammen aus Tagen eines selbstverständlichen Miteinanders, im Schützenverein, im Kindergarten und der Schule oder aus dem privaten Leben, Familienfeste oder Alltagsszenen.

Simon Wiesenthal, der die Shoah als 37 jähriger überlebt hat, hat einmal gesagt: Überleben ist ein Privileg, das verpflichtet. Ich habe mich immer wieder gefragt, was ich für die tun kann, die nicht überlebt haben. Die Familien von Elkan Weinthal und von Alma Wolffs haben die Shoah nicht überlebt. Umso wichtiger ist es, dass sensibilisierte Menschen sich des Erinnerns und des Gedenkens annehmen. Vor 26 Jahren gründete sich der Verein „Synagoge Dornum“ mit dem Ziel, die Synagoge, die einzig erhaltene in Ostfriesland, als Gedenkstätte zu gestalten, Ausstellungen zu konzipieren, den jüdischen Friedhof zu pflegen und Kontakt zu Nachkommen ehemaliger jüdischer Bürgerinnen und Bürger zu knüpfen und aufrecht zu erhalten. 1992 konnte dieses Projekt realisiert werden, ein wichtiges Datum, denn 50 Jahre zuvor im Jahr 1942 tagte die Wannseekonferenz, auf der die systematische Ermordung aller in Europa lebenden Juden beschlossen wurde und ebenfalls 50 Jahre zuvor fuhren die meisten Deportationszüge aus Deutschland in die Vernichtungslager.

Ich habe mich immer wieder gefragt, was ich für die tun kann, die nicht überlebt haben. Dieser Satz von Simon Wiesenthal, gilt uns allen. Was können wir tun? Wie können wir uns erinnern? Wie können wir uns informieren und andere informieren? Wie können wir gegen jegliche Form von Antisemitismus und Rassismus die Stimme erheben? Was gibt uns Mut, Unrecht zu benennen, zu mahnen und zu warnen, die Erinnerungsorte schützen, auf sie Acht zu geben. An jedem Ort.

Auch hier in Dornum haben wir die Möglichkeit dazu: die Synagoge als Gedenkstätte inmitten von Dornum, sie steht zwischen Schloss und Kirche, das Mahnmal mitten auf dem Marktplatz, der jüdische Friedhof. Und so gilt mein Dank allen Mitgliedern des Vereins, die diese wichtige Arbeit unterstützen und mittragen, aber mein Dank gilt auch den Besucherinnen und Besuchern, 125.000 sind es seit der Eröffnung vor 25 Jahren. Das ist ein Grund, dankbar zu sein und auch ein wenig stolz, denn bei allen wird der Besuch in der Gedenkstätte Spuren hinterlassen haben und hoffentlich auch Gedanken und Lernprozesse, die sensibilisieren, die Geschichte nicht leugnen oder vergessen und jedem Menschen seine Würde und sein Recht auf Leben zusprechen. Das all das möglich geworden ist, ist Herrn Georg Murra-Regner zu verdanken, der seit Beginn Leiter der Gedenkstätte und Vorsitzender des Vereins ist. Toda raba. Herzlichen Dank.

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