"Ostfriesland war auch unsere Heimat. 200 Jahre jüdisches Leben hinterm Deich."

Am 29.01.2012 waren über 100 Personen in die Beningaburg zu Dornum gekommen, um die Vorstellung des Buches „Ostfriesland war auch unsere Heimat. 200 Jahre jüdisches Leben hinterm Deich“ (Hrsg. Gedenkstätte „Synagoge Dornum“e.V. Autor: Georg Murra-Regner unter Mitarbeit von Andrea Döhrer) zu erleben.

In dem neu erschienenen Buch zeichnet der Autor Georg Murra-Regner die verschiedenen Lebenswege einer jüdischen Familie aus Ostfriesland auf, die sowohl ostfriesisch als auch jüdisch war und in der sich die politischen sowie die persönlichen Begebenheiten von über 200 Jahren widerspiegeln.
Ein Teil der jüdischen Familie, die trotz bedrückender Armut, Intoleranz und ungleicher Behandlung durch die verschiedenen Herrscher in Ostfriesland oder durch sich öfter ablösende politische Machtverhältnisse Ausgrenzung und Vertreibung erleiden musste, hielt trotzdem an seiner Dörflichkeit und der ostfriesischen Heimat fest. So, wie sie treu und ergeben zu ihrer Heimat standen, so blieben sie auch ihrer jüdischen Religion, der Religion ihrer Vorfahren, verbunden, trotz aller Repressalien, die sie seit Jahrhunderten erdulden mussten.
Sie bauten unter schwersten Bedingungen und Erniedrigungen ihre Synagogen und Schulen und beteten zu ihrem Gott. Sie wollten zu der Dörflichkeit dazugehören und keine Fremden sein.
Im Allgemeinen blieben die Söhne nach der Tradition im Gewerbe ihrer Väter als Viehhändler, Schlachter und Trödler am Ort, und ernährten so ihre großen Familien, während die Töchter meist das Elternhaus verließen und zu ihren Ehemännern in andere Dörfer und Städte Ostfrieslands zogen.
Nur wenige Töchter aus sogenanntem „guten Hause“ heirateten in weiter entfernt wohnende Familien ein.
Auch im ausgehenden 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts kam es in den ostfriesischen Dörfern nur selten vor, dass jüdische und christliche Partner eine Ehe miteinander eingingen, und wenn, dann nur unter der Bedingung, dass einer der Partner seine Religion aufgab.
Der größte Teil der jüdischen Familien aus Dornum führte ein einfaches Leben wie auch die meisten christlichen Dornumer.
Andere Familienangehörige entflohen im 19. Jahrhundert der Enge und der Armut sowie der politischen Unterdrückung ihrer Heimat und suchten sich in der „Neuen Welt“ Arbeit und ein neues Zuhause. Die Eltern nahmen in der neuen Heimat Entbehrungen auf sich und es waren ihre Kinder, die zu Wohlstand kamen und Berufe ergriffen, die ihren Eltern in der ursprünglichen Heimat noch verwehrt gewesen waren.
Ein weiterer Teil der Familien starb in den Lagern der Nationalsozialisten. Einige waren bereits seit zwei Generationen getauft und erinnerten sich kaum noch daran, dass ihre Vorfahren der jüdischen Religion angehört hatten. Diejenigen, denen es noch gelang, in ferne Länder wie Südafrika oder Chile zu emigrieren, versuchten dort mit einem Teil ihrer geretteten Familie wieder neu anzufangen und heimisch zu werden, ohne die ostfriesische Herkunft zu vergessen. Sie alle waren von gleicher Familie und gleicher Herkunft, sie waren in der Einfachheit des dörflichen ostfriesischen Lebens genauso gefangen gewesen wie die anderen Mitbewohner des Ortes, ob sie sich zur christlichen oder zur jüdischen Religion bekannten.
Obwohl man sie seit Jahrhunderten als fremd und nicht zugehörig angesehen hatte, blieben sie doch über Generationen hinweg Ostfriesen. Doch mit der Generation der Enkel und Urenkel ging das Wissen um die ostfriesischen Wurzeln allmählich verloren.
Georg Murra-Regner stellt in seiner Arbeit  zugleich auch einen Bereich der Dornumer Geschichte dar, von dem die jüdische Geschichte nicht zu trennen ist. Er legt besonderen Wert darauf darzustellen, dass in einem Ort mit einer so geringen Einwohnerzahl die Menschen aufeinander angewiesen waren, z. B. bei Sturmfluten und Überschwemmungen, und dass Feindschaften zwischen den beiden Religionen meist nur von außen hineingetragen wurden.

Das Buch, in dem auch viele Dokumente abgebildet sind, kostet 19,80 € und kann in der Gedenkstätte „Synagoge Dornum“ käuflich erworben werden.
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