Sunday, 09 January 2011 21:07

2009: Auf den Spuren der jüdischen Vergangenheit in der Ukraine

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Mit einer kleinen Gruppe an jüdischer Geschichte Interessierter suchten Georg Murra-Regner, Leiter der Gedenkstätte „Synagoge Dornum“ und Andrea Döhrer, Vorstandsmitglied im Verein „Synagoge Dornum“ Spuren einstigen jüdischen Lebens in der Ukraine. Dabei legten sie über 3 000 Kilometer zurück. Mit einer Gruppe von 16 Teilnehmern fuhren sie von Berlin aus mit dem Zug über Posnan nach Przemysl und von dort aus mit dem Bus auf teils abenteuerlichen Wegen durch die Ukraine.

„Die erste Station war Tarnopol oder Ternopil, wie man heute in der Ukraine sagt, die größte Stadt in Ostgalizien. Sie war eine der bedeutendsten Städte Polens und zugleich Hauptsitz der gleichnamigen Provinz“, so Murra-Regner. Diese Stadt wird seit dem 14. Jahrhundert erwähnt, seit Beginn des 16. Jahrhunderts lebten hier Juden. Sie bekamen von der Schlachta (Adel) ihre Privilegien zum Bauen eines Friedhofs und einer Synagoge. Tarnopol war bis zum Einmarsch der Deutschen zu 40 Prozent jüdisch. Diese blühende jüdische Stadt besaß eine Hochschule und ein Rabbinerseminar sowie eine Anzahl von Weiterbildungsanstalten. 40 Bethäuser gab es in Tarnopol. Der noch bestehende große jüdische Friedhof am Rande der Stadt zeugte einst von einer Hochblüte jüdischer Kultur. „Heute ist der Friedhof auf bis zu zwei Dritteln eingeebnet, und nur ein kleiner Rest verwahrloster Steine ist übriggeblieben. Auf dem eingeebneten Bereich steht eine Tankanlage.“ Auf diesem Friedhof wurde der weltbekannte Fotograf Alter Kacyzne gefoltert und von einem Ukrainer ermordet. Kacyzne fotografierte in den dreißiger Jahren das Leben in den Stetls in Polen und in der Ukraine. 90 Prozent der Ternopiler Juden wurden nach dem Einmarsch der Deutschen ermordet. Heute zeigt diese Stadt nur wenige Erinnerungen an das einst blühende Leben.

Die nächste Station war die kleine Stadt Zbaraz. Hier lebten bis zum Einmarsch der Deutschen die Chassiden, die „Frommen“. Die Mehrheit der Bevölkerung war bis zum Einmarsch der deutschen Wehrmacht jüdisch. „Auf dem Friedhof lasen wir aus den Aufzeichnungen Jakob Linders `Schilderungen aus einem Erdloch`. Aber auch dieser Friedhof war leider verwahrlost und zum Teil zerschlagen“, so Murra-Regner. „Die wunderschönen Grabsteine, zum Teil auch mit deutschen Inschriften, waren als Wegplatten und als Absperrungen genutzt. Wenn ich die jüdischen Friedhöfe im Vergleich zu den wunderbar gepflegten Kosakenfriedhöfen sehe, befällt mich Ohnmacht und Schmerz, wie eine so große jüdische Kultur über 60 Jahre nach Ende des Krieges missachtet wird“.

In Kremenec, dem nächsten Halt unserer Bildungsreise, wurde der große Schriftsteller Julius Slowacki geboren. In diesem Städtchen gab es außer großen Synagogen auch ein Jesuiten-Kolleg. Vom eigentlichen Stil ist wenig übriggeblieben. Auch hier wurden nach dem Einmarsch der Wehrmacht sofort am nächsten Tag 8 000 Frauen und Männer erschossen, die übrigen kamen in ein Ghetto. Dieses Ghetto wurde innerhalb von vier Monaten wieder aufgelöst, und 15 000 Menschen wurden am Stadtrand erschossen. Zwei Denkmäler außerhalb der Stadt markieren den Platz, wo die Ermordungen stattfanden. Nur der jüdische Friedhof mit seinen 5 000 Steinen ist noch vom einstigen jüdischen Leben in Kremenec vorhanden. Die Steine stammen aus dem 15./16. Jahrhundert. Hier an diesem Berg erstrecken sich vom Tal bis an die Spitze auf allen Bergwiesen Gräber. Es ist ein Berg voller Gräber, aber jedes Grab ein Haus des Lebens. „Mögen ihre Seelen eingebunden sein in das Bündel des Lebens“, so der Leiter der „Synagoge Dornum.“

„Aber dann, am nächsten Morgen, ging es weiter nach Mohylev Podolski. Der erste Ort in der Nähe war Miedzhybozh, hier sind wir im Zentrum des Chassidismus. Hier ist der Entstehungsort dieser frommen Glaubensrichtung. Hier war die Wirkungsstätte des Baal Schem Tow (Meister des guten Namens).“ An diesem Ort lebten die Chassiden jahrhundertelang. An diesem Ort kann man nicht unbewegt bleiben. Es leben hier noch einige Chassiden, um die Wirkungsstätte des Baal Schem Tow zu erhalten. „Und dann ging es weiter zum Grab des Baal Schems. In dieser Abgeschiedenheit der Ukraine konnte sich der Chassidismus entwickeln. Aber auch die Nationalsozialisten ermordeten hier 80 Prozent der jüdischen Bevölkerung.“ Doch am Grab des Baal Schems entwickelt sich neues Leben. Hier kommen jährlich 40 000 Chassiden aus aller Welt zusammen, die hier ihre Siedlungen und Hotels bauen. Hier lebt wieder auf, was die Nationalsozialisten nicht zerstören konnten: Die Talmud-Torah-Schule. Hier hört man wieder die Gesänge der Chassiden.

„Wir fuhren weiter nach Braczlav, der Wirkungsstätte des Rabbi Nachman, einem Urenkel des Bescht. In Braczlav kommen die Lubawitscher zusammen, um ihre Gebete zu halten. Man konnte die Öffnungen in den Grabsteinen sehen für die Quittel (Zettel), auf denen der Gläubige seine Wünsche schreiben kann.“ Hier gibt es noch das Stetl, wenn auch nur wenige Häuser. „Aber das eigentliche Stetl fanden wir in Sarhorod, hier stehen noch Häuserzeilen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Mir kam es vor, als ginge Tewje, der Milchige, noch ein und aus.“ In diesen Häusern gab es keine Trennung von Beruf, Leben und der Schule der Kinder, dem Cheder. Heute sind diese Häuser leider sehr verfallen, der Kommunismus hatte für die Bauten des Stetls nichts übrig. Eine Weltkultur sollte hier ihr Ende erleben. In Sarhorod steht aber auch die älteste Synagoge der Ukraine, bis vor kurzem als Schnapsfabrik missbraucht.

Eine weitere Station war Berditschew, auch hier Häuser des Stetls. In dieser Stadt lebte der große Rabbiner Levi Isaac. Hier haderte der Rabbiner mit Gott wegen der Armut und Verfolgung seines Volkes. In Berditschew entstand die Legende, dass Levi Isaac sich weigerte, aus dem Gebetbuch zu lesen und Gott vor ein Gericht ziehen wollte, weil er die Kinder Israels vernachlässigte. „Auch in diesen Städten leben nur noch wenige Juden, 60 bis 70 Prozent sind ermordet worden. Die anderen wanderten nach Israel, Amerika und Deutschland aus. So wird es in wenigen Jahren das Stetl nicht mehr geben, aber die Ausgewanderten nahmen ihr Stetl im Herzen in ihre neuen Länder mit“, berichtet Georg Murra-Regner.

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